Aggressive Stimmung in Deutschland: Ist die Maske schuld?

Es ist ein sommerlicher Sonntagmorgen, ich treffe mich mit einer Freundin zum Radeln und auf dem Weg zum Start unserer Tour erleben wir aggressive Stimmung. Wenn sonntags in Berlin die Sonne lacht, bevölkern Radfahrer aus der City die Randbezirke und das Umland. Das war schon vor Corona so und die vermeintliche Pandemie hat daran nichts geändert. Mit dem Regio fahren wir zwei Stationen bis Wannsee. Der Fahrradwagen ist voll, aber noch nicht überfüllt.

Zwischen einer Horde von Maulkorbträgern sichern wir uns eine Lücke, in der wir mit unseren Rädern stehen bleiben. Meine Begleiterin legt brav ihre Gesichtswindel an. Der Solidarität halber ziehe ich meinen Halswärmer übers Kinn und lasse Mund und Nase frei. Sie nimmt es mit Humor und kommentiert: „Eine kleine Andeutung.“

Die staatlich verordnete Erziehungsmaske für Mund und Nase verhindert bekanntlich das Erkennen von Mimik. Solange der Mensch aber (noch) ohne Schlafmaske reisen darf, spiegelt sich das Seeleninnenleben für die Außenwelt sichtbar in den Augen wider. Obwohl der Himmel blau ist und das Sonnenlicht endlich mal wieder die Vitamin-D-Produktion im Organismus ankurbelt, meine ich Angespanntheit, Reizbarkeit und Frust in den Augen der anderen Radler im Waggon zu lesen.

Aggressive Stimmung im Fahrradwagen

Ihre Lippen bestätigen meinen Eindruck, als am Bahnhof Charlottenburg eine Vierergruppe mit Fahrrädern zusteigt. „Wo wollen Sie hin?“, fragt eine Frau mit dem Tonfall einer Oberkommandantin bei der Armee.

„Nach Brandenburg an der Havel“, antwortet ein Mann aus der Gruppe.

„Und wie sollen wir dann in Wannsee rauskommen, wenn Sie mit Ihren Rädern den Weg versperren?“, bohrt sie weiter und ihr gegenübersitzender Begleiter mischt sich ein: „Übrigens ist der Wagen nur für zwölf Fahrräder zugelassen.“

„Wo ist denn das Problem?“, sage ich. „Sie schieben ihre Räder kurz raus, damit wir alle aussteigen können in Wannsee. Entspannen Sie sich.“

Meine Freundin nickt und stimmt mir zu: „Ja, genau!“

Obwohl manche meinen, ich rede zu laut, hat mich offenbar niemand gehört.

Eine Frau aus der Brandenburg-an-der-Havel-Gruppe gibt dem über Zulassungsbestimmungen für Fahrräder in Regionalzügen bestens Informierten zu verstehen: „Sie müssen da nicht sitzen. Würden sie aufstehen, könnten andere ihr Rad abstellen.“

„Doch, das muss ich!“, blafft er zurück.

Die Minuten bis zum Bahnhof Wannsee vergehen schleppend. Auf dem Rückweg von Potsdam benutzen wir keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Locker, leicht und gemütlich treten wir in die Pedale, weil uns schönes Wetter besser gefällt als aggressive Stimmung.

Regionalzug, Foto: Portraitor / Pixabay

Aggressive Mitarbeiterin der Deutschen Bahn

Ob die Maske alias Mund-Nasen-Bedeckung den Aggressions-Pegel erhöht, wäre eine Frage, der man im Rahmen einer Studie auf den Grund gehen könnte. Die Vermutung drängt sich mir jedoch am nächsten Tag auf. Zuvor habe ich meine Radreise ins nahezu maskenfreie Dänemark organisiert und auf der Buchungsseite der Deutschen Bahn festgestellt, dass Fahrradkarten für ausländische Züge nur in Servicezentren erhältlich sind.

Zähneknirschend mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof Zoo. Nachdem ich im U-Bahnhof schwarzuniformierte Polizisten beim Kontrollieren der Maskenpflicht beobachtet habe und bei einem maskenlosen Gang über den Bahnsteig nur knapp einem Bußgeld entronnen bin, darf ich die Verkaufsstelle nur mit Mundschutz betreten. Da ich in diesem Fall keine andere Wahl habe, an meine Fahrkarte von Kopenhagen nach Berlin zu kommen, ziehe ich notgedrungen mein Halstuch übers Gesicht.

Hinter Plexiglas-Scheiben vor zwei geöffneten Tresen arbeiten zwei maskierte Frauen. Die linke winkt mich zu sich heran. Ich bitte sie um das besagte Zugticket für eine schon zu Hause recherchierte Verbindung am 26. Juli.

„Wahrscheinlich kriegen Sie dafür keine Fahrradkarte mehr“, glaubt sie, ehe sie einen Blick in ihren Computer geworfen hat.

„Dann schauen Sie bitte nach. Dafür bin ich ja hier.“

Sie lässt sich Zeit, Sekunden und Minuten verstreichen. Ich drehe mich um, nehme das Halstuch ab, um zwei oder drei freie Atemzüge zu nehmen. Dann setze ich die Nasen-Burka wieder auf und wende mich dem Tresen zu.

„Bleiben Sie gefälligst vor der Plexiglas-Scheibe!“, schnauzt mich die Verkäuferin an.

„Oh, Entschuldigung, ich bin ja hochinfektiös!“

Einen sarkastischen Lacher zum Abschluss kann ich mir nicht verkneifen.

„Mein Gott, was meinen Sie, wie oft ich den Spruch schon gehört habe! Es gibt eine Verordnung des Berliner Senats, an die müssen wir uns halten. Ob Sie das nun wollen oder nicht!“, keift die Bahn-Mitarbeiterin.

„Würden Sie sich bitte entspannen? Ich kann verstehen, dass es Ihnen zusetzt, hier den ganzen Tag mit Maske zu arbeiten“, versuche ich sie zu besänftigen.

„Entspannen Sie sich mal statt hier rumzunörgeln!“, faucht sie weiter.

„Ich möchte nur meine Fahrkarte kaufen. Das hätte ich schon längst zu Hause getan, wenn das mit der Fahrradkarte online möglich wäre!“

„Für den ausländischen Zug brauchen Sie eine Platzreservierung.“

„Ja, meinetwegen auch das“, seufze ich und wende mich zum Atmen erneut ab. Sie lässt sich Zeit. Anscheinend hat sie bemerkt, wie sehr ich die Maske „liebe“. Nach einer gefühlten Ewigkeit und ein paar weiteren destruktiven Wortgefechten druckt sie mir meine Fahrkarte aus. Draußen überprüfe ich das Datum: Auf dem Papier steht der 27. und nicht der 26. Juli!

Obwohl die Dame längst dabei ist, die nächste Kundin zu schikanieren und im Service-Zentrum wegen der sogenannten „Eindämmungsmaßnahmenverordnung“ nur zwei Personen erlaubt sind, stürme ich zurück und halte ihr den Fehler unter die vermummte Nase.

„Sie können auch gerne rausgehen, während ich das korrigiere! Und Sie auch!“, fährt sie mich und die andere Kundin an. Letztere erzählt mir vor der Tür: „Die ist wirklich schlimm. Jedesmal verbreitet sie aggressive Stimmung. So viel zum ausgezeichneten Kundenservice bei der Bahn!“

Das Ende vom Lied: Angeblich sind alle Fahrradkarten für die Zugverbindung am 26. Juli ausverkauft.

„Na wunderbar!“, kontere ich diesmal maskenfrei. „Dann bleibe ich eben einen Tag länger in Kopenhagen und verzichte auf die miese Stimmung in Deutschland.“

„Ja, machen Sie das!“

„Mit Vergnügen!“

Weitere denkwürdige Begegnungen in Deutschland unter der Maske werde ich bestimmt nach und nach dokumentieren. Hast Du auch schon solch eine aggressive Stimmung erlebt? Du bist eingeladen, Deine Beobachtungen im Kommentarfeld zu teilen. (as)

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