Corona Demo Berlin: Augenzeugenbericht vom 29. August 2020

Gewaltsame Ausschreitungen auf der Corona Demo Berlin sind zurzeit das Reizthema in den sogenannten Qualitätsmedien. Eine Meute mit schwarzweißroten Flaggen des Deutschen Kaiserreichs stürmt die Treppe des Reichstags, während Polizeibeamte Schlagstöcke durch die Luft wirbeln und Tränengas in die Menge sprühen.

Zu diesen Szenen sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Sonntag: „Reichsflaggen und rechtsextreme Pöbeleien vor dem Deutschen Bundestag sind ein unerträglicher Angriff auf das Herz unserer Demokratie. Das werden wir niemals hinnehmen.“

Ich sage: Das Stürmen der Reichtstagstreppe habe ich live nicht miterlebt. Ich weiß nicht, ob dort wirklich Rechtsextreme am Werk waren oder ob jemand (vielleicht sogar die Bundesregierung) die Flaggen tragenden Personen engagiert hat, um medienwirksame Bilder zu produzieren. Ich weiß auch nicht, wie viele Menschen aus dem In- und Ausland zum Fest für Freiheit und Frieden nach Berlin geströmt sind. Diverse Mainstream-Medien berichten von 38.000. Alternative Plattformen sprechen von Hunderttausenden bis zu zwei Millionen. Ich habe die Teilnehmer nicht gezählt und weiß als Augenzeugin nur, dass es sehr, sehr viele waren.

Medienkritik, Foto: Annika Senger

Blockierter Umzug auf der Corona Demo Berlin

Schon am Morgen tummeln sich geschätzt Tausende rund um den S-Bahnhof Friedrichstraße, von wo ich zu Fuß Richtung Brandenburger Tor spaziere. Am Symbol der Deutschen Einheit soll der Umzug durch die Stadt starten. Auf einmal schallt an der Ecke Unter den Linden von einem der Umzugswagen eine Durchsage: Der Start sei an die Ecke Friedrichstraße Torstraße verlegt worden. Ich drehe mich um und folge der Menge.

In ihr sehe ich Frauen, Männer, Kinder, Senioren, Muslime, Hell- und Dunkelhäutige. Deutsche, polnische, österreichische, niederländische, spanische und viele andere Flaggen deuten an, wie international sich die Corona Demo Berlin gestaltet. In der Nähe des U-Bahnhofs Oranienburger Tor kommt der Spaziergang zum Stocken.

In mehreren Sprachen ertönen wiederholte Durchsagen, dass die Polizei anderthalb Meter Mindestabstand fordere, damit der Umzug beginnen könne. Derweil riegeln Beamte sämtliche Zugangsstraßen ab, so dass die Umzugsgesellschaft eingekesselt und vielerorts nicht imstande ist, die Abstandsregeln einzuhalten. Irgendwann heißt es von Wagen eins, dass die Polizei die Demonstration auflösen wolle.

Das Team von Querdenken ruft daraufhin zur Kooperation auf, redet sogar auf die Teilnehmer ein, Masken über Mund und Nase zu ziehen. Viele beugen sich, setzen sich auf den Asphalt, singen Lieder und meditieren. Der Widerstand, der sich gegen die Schwarzuniformierten regt, ist Frieden, wie meine Video-Aufnahmen belegen.

Gestörtes Mobilfunknetz und Spaltung

Ich habe auch keine Lust mehr zu kämpfen. Meine Gefühle variieren zwischen Tiefenentspannung und Deprimiertheit. Die offenbar gewollte ideologische Spaltung der Gesellschaft hat Gräben durch so manche Familie gerissen. Auch die massiven Störungen des Mobilfunknetzes erzeugen Gräben. Schon bei der Großdemo für Freiheit und Frieden am 1. August war das Internet auf sämtlichen Smartphones lahm gelegt. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Trotzdem schafft es eine Freundin, mit der ich verabredet bin, mir mitzuteilen, dass sich rund um die Siegessäule bereits eine riesige Menschenmenge versammelt habe. Als die Polizei am frühen Nachmittag die Nebenstraßen freigibt und sich abzeichnet, dass der Umzug trotz des gekippten Demo-Verbots vom 26. August niemals starten wird, steuere ich den Großen Stern an.

Zu Fuß bewege ich mich Richtung Hauptbahnhof. Auf dem Weg beobachte ich, dass Polizisten das Regierungsviertel weiträumig abgeriegelt haben. Mit der S-Bahn fahre ich eine Station zum Schloss Bellevue, um mir durch den Tiergarten den Weg zur Siegessäule zu bahnen. Das funktioniert.

Kommt demnächst das „Corodom“? Foto: Annika Senger

Fest für Freiheit und Frieden am Großen Stern

Rund um die „Gold-Else“ herrscht ausgelassene Volksfeststimmung. Die einen haben es sich auf dem Rasen bequem gemacht, andere tanzen auf der Straße. Durch die Menge patrouillieren Polizeibeamte mit niedersächsischem Wappen auf den Uniformen. Diese Einheit wirkt friedlich, der Ausdruck auf ihren Gesichtern teilweise betreten.

Inzwischen habe ich gar keinen Empfang mehr auf meinem Handy und erreiche weder meine Freundin noch das Grüppchen neuer Bekannter, das mich ebenfalls zu sich eingeladen hat. Die Auflage „Social Distancing“ wird zur Zerreißprobe für mich und alle anderen. Die Abstände zum „Wohle der Gesundheit“ entscheiden über den Fortlauf der Veranstaltung. Immer wieder appelliert das Team von Querdenken an die Masse, die gesamte Fläche zu nutzen, sich in die Nebenstraßen und in den Tiergarten zu begeben. Es sei nicht wichtig, den besten Platz vor der Hauptbühne zu ergattern.

Die Menschen zeigen sich kooperativ. Ehe das Rednerprogramm starten darf, initiiert der Veranstalter eine Herzmeditation. Unter meinem Sonnenschirm lege ich mich auf die Straße und atme tief ein und aus. Manchmal blinzele ich, erkenne andere Meditierende und Gruppen von Polizisten. Meine Gliedmaßen kann ich von mir strecken, ohne meine Nächsten zu berühren. Schon seit über einem Jahr verspüre ich keinen Drang zu husten und zu niesen. Ich habe weder Angst noch Mut. Mir kommen nur fast die Tränen, weil ich von meinen Freunden und Bekannten abgeschnitten bin. Weil mich meine Mutter wegen meines Demo-Besuchs aus Angst vor einer Infektionsgefahr ausgeladen hat!

Der Ehrengast der Corona Demo Berlin, Robert Kennedy jr., bringt es in seiner bewegenden Rede auf den Punkt: Angst sei ein Kontrollinstrument der Herrschenden – egal ob es sich um Nazis oder um ein kommunistisches Regime handele. Um mich herum nehme ich reine Freude wahr, bis ich die Kundgebung gegen 19 Uhr aufgrund von Kopfschmerzen verlasse.

Polizei eskaliert bei Corona Demo Berlin

Dass die Berliner Polizei später in der Nacht und am Sonntag Gewalt gegen Alte und sogar gegen eine Schwangere angewendet hat, erfahre ich in verschiedenen YouTube-Videos von Augenzeugen. In einem dieser Filme drücken Beamte eine Frau zu Boden, reißen ihr die Kleidung vom Leib und schlagen auf sie ein. Das ist zutiefst erschütternd und beschreibt den momentanen Zustand der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Deutschland. Es gibt jedoch Hilfe: Die Anwälte von Klagepaten.eu setzen sich ein für alle, die während der Demonstration und in ihrem Alltag mit staatlich angeordneter Brutalität konfrontiert worden sind. (as)

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