Die Schokoladenfabrik

Der Himmel kommt ihr immer nur grau vor, obwohl manchmal auch die Sonne scheint. Keine Schäfchenwolke schwebt über dem Häusermeer hinweg. Nur ein Gitter aus Kondensstreifen wird von Flugzeugen in das verhaltene Blau geritzt. Sie tritt kräftig in die Pedale, um zügig die Distanz zum U-Bahnhof zu überwinden. Irgendwo im Süden wird sie über die Stadtgrenze strampeln und frei sein. Die Bahn bringt sie zum Ausgang des Molochs wie so oft.

Im orangen Waggon klammert sie sich mit der linken Hand an einem Haltegriff fest, mit der rechten an ihrem Fahrrad. Um sie herum drängen sich Menschen. Sie starren auf den Boden oder auf ihr Smartphone. Sie freut sich schon auf die Seen, Wälder und Wiesen am Ende dieser Reise.

Vor der Endstation düst der Zug mit einem Affenzahn aus dem Tunnel. Hochhäuser, Baukräne und Schnellstraßen fliegen rechts und links an den Fenstern vorbei. Wie kann das sein? Diese U-Bahn-Linie verkehrt doch sonst nur unter der Erde. Ist eine der nervtötenden Baustellen der Grund für die Umleitung? Warum wurde das nicht groß und breit angekündigt? Bekanntmachungen warnten sie weder im U-Bahnhof noch im Internet.

„Wissen Sie, warum wir plötzlich oberirdisch fahren?“, fragt sie in die Menge.

Die anderen Fahrgäste starren weiter auf den Boden, schweigen und der Zug hält an einer Station ohne Namen.

U-Bahn, Foto: Nathan Wright / Pixabay

Die Tür öffnet sich, sie schiebt ihr Rad über die Schwelle auf den Bahnsteig. Vor ihr erhebt sich ein verspiegelter Wolkenkratzer, während ein gedrungen wirkender Mann zielgerichtet auf sie zu marschiert. Er trägt einen beigen Anzug und einen schwarzen Aktenkoffer. Auf seinem fast kahlen Kopf sprießen ein paar blonde Stoppeln.

„Herzlich willkommen, ich habe sie schon erwartet!“, spricht er sie an.

„Mich? Sind Sie sicher?“

„Ja! Es ist mir eine Ehre, Ihnen meine Schokoladenfabrik zu präsentieren. Sie werden begeistert sein und dürfen natürlich auch meine neuesten Kreationen kosten“, sagt der Fremde. Seine Worte scheinen sein dickliches Gesicht rosig zu färben.

„Ist das die Schokoladenfabrik?“, antwortet sie und zeigt auf den Wolkenkratzer gleich am Rande des Bahnsteigs.

„Ja, mein süßes, kleines Unternehmen. Folgen Sie mir!“

Nur wenige Schritte trennen sie vom Eingang. Vor der automatischen Schiebetür stellt sie ihr Fahrrad ab und lässt sich von dem Mann in eine riesige helle Lobby geleiten. Hinter einem weißen Empfangstresen sitzt eine dunkelhaarige Dame, die anscheinend so in ihre Bildschirmarbeit vertieft ist, dass sie die Ankunft ihres Chefs gar nicht bemerkt. Der würdigt seine Angestellte ebenfalls keines Blickes und führt seinen Besuch geradewegs zu einer grauen Tür am Ende der Eingangshalle. Vorbei an weißen Sitzgarnituren mit Glastischen. Pralinen und Konfekt auf Bildtapeten schmücken die Wände.

Hinter der Tür verbirgt sich ein Chefbüro mit einem gläsernen Schreibtisch am Fenster. Die schwarzen Fußbodenfliesen sind so glänzend poliert, dass man davon wohl Schokopudding lecken könnte.

„Meine Dame, ich bin der Sohn des berühmten Chocolatiers Bruno Butterberg. Wie Sie sich gewiss vorstellen können, bin ich außerordentlich stolz, die Schokoladenfabrik meines genialen Herrn Vaters fortführen zu dürfen. Meine Liebe ist seit Kindesbeinen Schokolade!“, stellt sich der untersetzte Mann im Anzug vor. „Außerdem freue ich mich, dass unsere göttlichen Energien uns beide endlich zusammengeführt haben.“

„Göttliche Energien?“, erwidert die Frau, die eigentlich längst in der Natur sein wollte.

„Ja, göttliche Energien. Eine Fügung des Schicksals sozusagen! Setzen Sie sich, ich will Ihnen etwas zeigen.“

Perplex lässt sie sich in den weißen Designersessel vor dem Schreibtisch fallen. Ihr Gastgeber hantiert mit einer Fernsteuerung herum. Einen Teil der kahlen weißen Wand links von seinem Arbeitsplatz nimmt ein Bildschirm ein.

„Den neuen Butterberg-Imagefilm müssen Sie einfach gesehen haben. In ihm werden Sie die Essenz der Schokolade erkennen. Für nichts in der Welt lohnt es sich mehr zu leben als für den Genuss aus der Kakaobohne. Sind Sie bereit?“

„Ja … Okay, dann schießen Sie mal los“, klettert eine monotone Stimme aus ihrer Kehle. Ihr Rücken presst sich tiefer in den bequemen Luxussessel.

Die Schokoladenfabrik, Kurzgeschichte von Annika Senger
Schokolade, Foto: Ralf Kunze / Pixabay

Der Mann drückt auf einen Knopf an der Fernsteuerung. Danach umgarnen Revuetänzerinnen in knappen, figurbetonten Kostümen eine überlebensgroße Tafel Schokolade auf der Büro-Kinoleinwand. Kurze weiße Röckchen gewähren freie Sicht auf die langen, schlanken Beine der Frauen. Ihre Stretch-Bodys sind mit glitzernden Applikationen verziert. Hinter dem Ensemble strahlt auf einer roten Leuchtreklame der Name Butterberg. Dann lässt eine Tänzerin nach der anderen ihre Zunge über die Schokolade gleiten. Die letzte beißt zu und haucht mit verruchtem Blick „Liebe ist Crisp“ in die Kamera.

„Liebe ist Crisp! Ist das nicht ein ausgeklügelter Slogan?“, kommentiert der Mann den Werbefilm und klatscht fest in seine wurstigen Hände. „Jede Tafel der neuen Butterberg-Crisp-Schokolade wird mit dem Satz ‚Liebe ist Crisp‘ bestanzt. Habe ich mir selbst ausgedacht und die Schokoladen-Liebhaber dieser Welt werden ihn lieben!“

Die Frau im Sessel seufzt: „Und was habe ich damit zu tun?“

„Meine Seelenverwandte, unsere göttlichen Energien haben uns verbunden! Sie lieben doch Schokolade, oder?“

„Ja, sicher, aber …“

Ihr stockt der Atem. Der Erbe der Schokoladenfabrik steht plötzlich nackt vor ihr. Wie hat er sich so schnell seines Anzugs entledigt? Sein üppiger Bauch hängt über seinem winzigen Gemächt, aus seinen Mundwinkeln tropft Speichel.

„Du willst es doch auch! Mich und meine herrliche Schokolade!“, ruft er mit Nachhall. Dann wirft er sich auf sie und meißelt ungeschickt seine Zunge zwischen ihre Zahnreihen. Sein laufender Speichel besudelt ihre Lippen.

Von unten rammt sie ihr rechtes Knie in seine Genitalien und stößt ihn von sich. Er plumpst schreiend auf den blank gewienerten Boden und rotzt seine Fliesen voll.

„Du undankbares Weib, warum hast du das getan? Liebe ist Crisp!“, wütet er und spuckt noch mehr. Schaumige Rotz-Spuren rinnen von den Sesselbeinen bis zu seinem Schreibtisch.

Die Bürotür wird unsanft von außen aufgerissen. Hinein stürzt ein Anzugträger, der Butterbergs Sohn wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht. Er zerrt den Rotzlöffel vom Boden hoch und weist ihn zurecht: „Jetzt reicht es mir aber! Habe ich dir nicht schon hundertmal gesagt, dass das so mit Frauen nicht funktioniert? Du ruinierst den Ruf unserer Firma, von deinem eigenen ganz zu schweigen!“

Die Frau richtet sich auf und wankt ein wenig benommen aus der Schokoladenfabrik. Vor der Tür schwingt sie sich wieder auf ihr Fahrrad. (as)

Schreibe einen Kommentar