Die Schwimmerin – ein dystopischer Roman

Die Schwimmerin wurde nach einem Filmabend mit „Der Schwimmer“ aus dem Jahr 1968 geboren. Der Streifen basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von John Cheever. Wann genau dieser dystopische Roman veröffentlicht wird, steht noch in den Sternen. Eine Leseprobe gewähre ich euch jetzt schon.

Prolog

Barfuß watet sie durch den feinen Sand des Waldwegs, der sonnengewärmt ihre Fußsohlen umfängt. Ein roter Bikini mit goldenen Ornamenten bedeckt die intimsten Stellen ihres schlanken Körpers; leicht gewelltes schwarzen Haar umfließt ihre Silhouette. Die Spitzen ihrer Haarpracht enden am Ansatz ihres Bikinihöschens. Sonnenstrahlen blitzen durch das Blätterwerk und hinter den Zweigen und Ästen funkeln Abertausende von Diamanten auf dem See. Der Himmel schickt der Wasseroberfläche azurblaue Küsse, während ein Schwanenpaar seinen fünf hässlichen Entleins die Welt zeigt. Ein grünköpfiger Erpel döst im Schilf mit seiner Herzdame vor sich hin. Zur gleichen Zeit wischt sich die Frau im Bikini mit dem Handrücken ihren Schweiß von der Stirn. Sie setzt einen Schritt vor den nächsten und kommt zu einem Badestrand, wo sich noch mehr Enten, Gänse und Schwäne im Wasser tummeln.

Vor dem Strand steht ein knallrotes Schild. Wie die Verbotsschilder an allen anderen ehemaligen Badestellen der Stadt warnt es Passanten: „Baden streng verboten! Zuwiderhandlungen werden laut § 666 Abs. 9 des Infektionsschutzgesetzes mit einem Bußgeld von bis zu 1.000 Euro geahndet.“
Die Frau verlässt den Waldweg und huscht an dem Schild vorbei. Sie nimmt Anlauf, rennt auf den See zu und stürzt sich ins Wasser. Nika taucht ab und wieder auf. Dann holt sie tief Luft und beginnt zu kraulen.

Mona und Tim

An einem Holzsteg unter sich wiegenden Weidenzweigen klettert die Schwimmerin aus dem Wasser. Ein schneeweißes Motorboot mit eleganten braunen Ledersitzen ist an den Planken befestigt. Wassertropfen fließen wie Perlen über Nikas Haut. Ihre nassen Fußsohlen hinterlassen Spuren auf dem warmen Pier, der zu einer steinernen Treppe führt. Wie auf einem Sockel thront oberhalb der Stufen eine alte Villa mit Erkern und Türmen über dem See. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gehörte das Prachthaus einer Filmdiva. Die Frau im Bikini steigt die Stufen hinauf; dicht gewachsene Eichen spenden ihr Schatten. Die Treppe endet an einer hellen Sandstein-Balustrade, die eine Terrasse mit hellrosa gemaserten Marmorplatten umrahmt. In deren Zentrum leuchtet das Blau eines Swimmingpools. Auf einer Liege unter einem cremefarbenen Sonnenschirm liest eine blonde Frau in einem hellblauen Bikini ein Buch.

„Hallo Mona“, unterbricht eine rauchige Frauenstimme ihr Schmökern.
Die Blonde reißt ihre blauen Augen von den Seiten; Überraschung steht ihr ins Gesicht geschrieben.
„Nika? Wo kommst du denn plötzlich her? Wir haben uns ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“
„Wenn du drei Jahre als Ewigkeit bezeichnest, dann hast du wohl Recht“, antwortet die Besucherin, an deren Haut lange, schwarze Haarsträhnen kleben.
„Was treibst du denn hier? Geht’s dir gut?“
In Monas Stimme schwingt unüberhörbares Erstaunen mit.

Nika fängt an zu erzählen: „Mir geht es blendend! Ja, wir haben heute auf dem See mein neues Musikvideo gedreht, so richtig schick mit Segelboot. Hinterher war natürlich eine Abkühlung fällig. Also bin ich in den Wald gelaufen und ohne mein Team baden gegangen. Im Wasser hatte ich spontan die Idee, euch zu besuchen.“
Mona springt von ihrer Sonnenliege auf: „Super! Darf ich dich umarmen? Ich würde so gerne mal wieder meine alte Freundin Nika drücken!“
„Ja, warum fragst du? Tu es doch einfach, wenn es dich nicht stört, dass ich klatschnass bin!“
Nika und Mona fallen sich herzlich in die Arme, bevor letztere ihr Gesicht verzieht und sich abrupt aus der freundschaftlichen Geste löst.
„Na ja, ist doch heutzutage streng verboten, andere Menschen außerhalb des eigenen Haushalts zu umarmen“, stammelt Mona nervös. „Und du hast dich ja noch nie um Regeln geschert, wie inzwischen das ganze Land weiß.“

„Ja, weil die Regeln schwachsinnig und menschenfeindlich sind“, betont Nika mit Nachdruck.
„Und weil du das ständig rausposaunt hast, ist jetzt deine Karriere futsch“, erwidert Mona.
Nika beginnt zu lachen: „Ach, was redest du denn da! Ich arbeite gerade auf Hochtouren an meinem neuen Album. Das wird was ganz Großes!“
„Ganz große Protestlieder? Willst du riskieren, dass sie dich ins Quarantänelager stecken?“
„Nein, diesmal schreibe ich Songs über die Liebe zu allem, was lebt. Aus der Protestlieder-Nummer bin ich raus.“
Mona hakt nach: „Und wer veröffentlicht die Songs, nachdem dich deine Plattenfirma gefeuert hat?“

Nika berichtet hocherfreut: „Ein Label in Schweden hat mich vor zwei Monaten unter Vertrag genommen. Es geht wieder aufwärts auf der Karriereleiter!“
„Herzlichen Glückwunsch! Tim und ich hatten uns wirklich Sorgen um dich gemacht. Wir dachten, sie hätten dich eingesperrt und gefoltert.“
„Was für ein Quatsch! Wo ist Tim eigentlich? Seid ihr noch zusammen?“
Mona fläzt sich wieder auf ihre Liege und säuselt: „Und ob! Tim mixt gerade im Haus Cocktails. Für mich einen alkoholfreien mit ganz vielen frischen Erdbeeren.“

Während sie spricht, streicht sie sich über ihren leicht gewölbten Bauch und lächelt beseelt.
Nika schlussfolgert: „Bist du etwa schwanger?“
„Ja!“, schwärmt Mona. „Im dritten Monat. Ich bin so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Tim trägt mich auf Händen! Aber das hat er ja schon immer getan.“
„Wie schön! Ich gratuliere euch von Herzen. Mädchen oder Junge?“, will Nika wissen.
„Keine Ahnung. Das erfahren wir demnächst. Hauptsache, ein süßer, kleiner Mensch. Projekt Timona!“
„Ich sehe noch nicht viel. Man könnte meinen, du hättest ein bisschen zu viel gefressen. Passiert mir auch manchmal“, scherzt Nika, die am Fußende von Monas Sonnenliege platzgenommen hat.
„Immer noch frech wie eh und je. Typisch Nika!“, entgegnet die werdende Mutter und verpasst ihrer alten Freundin einen sanften Tritt in die Hüfte.

Hinter Monas Rücken trägt ein Mann in weißen Tennis-Shorts und blauem Polohemd auf einem Silbertablett eine Karaffe und zwei Gläser durch die Terrassentür. Er hat volles braunes Haar und auffällige kornblumenblaue Augen.
„Schatz, ich habe Erdbeerbowle für uns gemacht. Die trinkst du doch so gerne“, verkündet er.
„Hallo Tim!“, ruft Nika und winkt ihm dabei zu.
Der Hausherr starrt die Besucherin überrascht an: „Mein Gott, ist das wirklich Nika? Wo kommst du denn auf einmal her?“
„Aus dem Wasser, wie du siehst“, antwortet sie mit vergnügter Stimme und grinst.

Mona ergänzt: „Nika hat hier in der Gegend ihr neues Musikvideo gedreht. Und stell dir vor, danach ist sie zu unserem Haus geschwommen.“
„Unglaublich und vor allem sportlich!“, meint Tim. „Ich hole sofort ein drittes Glas. Nika, du magst doch Erdbeerbowle, oder?“
„Und ob! Ich liebe Erdbeeren und Bowle!“
Tim fragt: „Auch ohne Alkohol?“
„Klar, über euer süßes Geheimnis bin ich längst im Bilde“, sagt Nika verschmitzt. „Herzlichen Glückwunsch zur Vaterschaft.“
„Danke, danke!“, freut sich Tim, während er die Erdbeerbowle auf einem gusseisernen Tisch mit verschnörkelten Blumenornamenten abstellt. Dann eilt er zurück in die Villa.
Mona schwärmt: „Ist er nicht ein Goldstück?“
„Ja, genauso lieb wie mein Thomas. Was haben wir beide doch für ein Glück mit den Männern! Dafür sollten wir dankbar sein!“, antwortet Nika wie ein Honigkuchenpferd strahlend.
„Schön, dass ihr doch noch zusammen seid. Es kursierten Gerüchte, dass er dich für ein Seriensternchen verlassen hätte. Aber anscheinend hat die Journaille mal wieder gelogen“, wirft Mona ein.
„Ach ja, diese Schreiberlinge! Immer auf der Suche nach der trashigsten Story. Wie wir beide wissen, geht es denen nur um Klicks und nicht um die Wahrheit“, sagt Nika kopfschüttelnd.
„Absolut! Tim und mir wollten sie auch schon Trennungsgeschichten andichten. Wenn ich demnächst meine Schwangerschaft bekanntgebe, haben sie wieder ordentlich was zum Schreiben.“

Nikas braune Augen blitzen auf: „Übrigens arbeiten wir auch am Familienzuwachs. Thomas hätte gerne eine kleine Nika, aber mir ist das Babygeschlecht piepegal.“
„Mir auch“, meint Mona. „Das Geschlecht ist zweitrangig. Als Mutter freust du dich so oder so, wenn das Baby erst mal da ist. So habe ich das bei all unseren Freunden erlebt.“

Tim kommt mit einem dritten Glas zurück und unterbricht die beiden Frauen: „Wollt ihr viel oder wenig Frucht in der Bowle?“
„Her mit den Erdbeeren!“, ruft Mona überschwänglich.
„Ja, für mich auch“, schließt Nika sich an.

Während Tim mit einer silbernen Kelle die Gläser füllt, bemerkt er: „Als meine Mutter mit mir schwanger war, war sie süchtig nach Erdbeeren. Das gleiche Spiel, als meine Schwester unterwegs war.“
„Diesen Heißhunger auf Erdbeeren kann ich nur bestätigen. Nika und Thomas versuchen es jetzt auch“, berichtet Mona ihrem Mann.
„Ja, zuerst ein neues musikalisches Baby und dann ein menschliches“, betont Nika.
„Gut so. Wir haben auch noch Projekte, bis zumindest ich in die Babypause gehe“, erzählt Mona.
Tim fügt hinzu: „Mona spielt die Hauptrolle in der neuen Serie ‚Das Impfzentrum am Teufelsberg‘. Der Vertrag ist sogar unbefristet!“
„Ist das nicht cool? Ich bin die Impfärztin, die für alle Impflinge ein offenes Ohr hat. Auch für Zweifler und Querdenker.“

Eine tiefe Furche gräbt sich in Nikas Stirn: „Seid ihr beide geimpft?“
„Was bleibt einem denn als Schauspieler anderes übrig? Keine Impfung, null Rollenangebote. Das sollte dir doch eigentlich klar sein“, sagt Tim ernst.
Seine Frau pflichtet ihm bei: „Ich liebe meinen Job zu sehr. Deshalb würde ich meine Karriere niemals wegen meiner politischen Meinung oder einem Pieks aufs Spiel setzen.“
„So haben die Vorbesitzer eurer Villa sicher auch gedacht. Wie hieß die Tussi noch mal, die es wahrscheinlich hier auf eurer Terrasse mit Goebbels getrieben hat?“, entgegnet Nika barsch.
Tim reicht Mona und Nika die Gläser: „So, Mädels, jetzt lassen wir die Politik mal schön außen vor und stoßen zusammen an. Der Tag ist zu herrlich für sinnlose Diskussionen!“
„Ja, du hast Recht“, seufzt Nika. „Eurem Baby wünsche ich von Herzen das Allerbeste. Ich hoffe, es kommt gesund zur Welt.“
„Daran würde ich niemals zweifeln“, antwortet Mona pikiert.

Tim klatscht in die Hände: „Themenwechsel! Nika, hast du schon von meinem neuen Liebesfilm gehört? Ich spiele die Hauptrolle und führe gleichzeitig Regie. Es geht um einen krebskranken Profi-Schwimmer, der trotz seines positiven Corona-Tests durch einen reißenden Fluss zum Haus seiner Angebeteten schwimmt. Der Streifen kommt im Winter in die Kinos.“
„Für die Rolle musste Tim jeden Tag vier Stunden in unserem Home-Studio trainieren“, plaudert Mona aus dem Nähkästchen.
„Ja, weil man mich auf der Leinwand nur in Badehose sieht. Das Publikum will eben Muskelmänner“, sagt Tim.
Nika fragt mit skeptischer Miene: „Auch wenn der Held Krebs und den tödlichsten Virus der Menschheitsgeschichte hat?“
„Na, dann erst recht! Im Kino verkaufen wir Träume und ich möchte den Menschen da draußen auch in diesen finsteren Zeiten Mut machen.“
„Dreh doch mal ein Remake von der Feuerzangenbowle“, schlägt Nika ihrem Freund mit leicht sarkastischem Unterton vor.
„Hey, das ist tatsächlich geplant! Ich spiele den Pfeiffer mit drei F“, berichtet Tim. „Wie damals Heinz Rühmann. Der Unterschied ist nur, dass wir alle Schulszenen mit Maske drehen.“
„Und ich bin Pfeiffers zickige Freundin Marion. Meine Traumrolle!“, behauptet Mona.

Nikas Gesicht entspannt sich, ihre Augen blitzen auf und ihre Stimme ist plötzlich voller Enthusiasmus: „Darauf lasst uns zusammen anstoßen. Mit Erdbeerbowle auf die Feuerzangenbowle!“
„Ja, genau“, sagt Tim.
Die drei heben ihre Gläser und prosten sich zu.

Nika leert ihr Glas in einem Zug: „Tim, dein neuer Streifen hat mich auf eine Idee gebracht. Ich werde heute durch den Thomas-Fluss nach Hause schwimmen!“
Mona schaut sie verdattert an: „Wie bitte? Was für ein Thomas-Fluss?“
Nika erklärt ihren Gastgebern: „Alle Villen hier in der Gegend haben Pools und ich kenne die meisten Besitzer persönlich. Jeder Pool ist eine Etappe des Flusses, der mich am Ende zu Thomas bringt. Also, der Plan ist folgender: Ich werde alle Pools durchschwimmen, bis ich zu Hause bei meinem Mann bin. Bei euch fange ich an!“
„Das ist doch verrückt, Nika!“, glaubt Mona.
Tim belächelt die Aussage der Besucherin und fragt: „Willst du nicht erst mal deine Erdbeeren auslöffeln?“
„Ja, klar! Was ist eigentlich drin in der Bowle? Schmeckt wie Alkohol.“
„Nein, Nika. Wegen Mona und dem Baby gibt es die nächsten Monate nur noch alkoholfreien Sekt.“
Tim reicht ihr einen Löffel, mit dem sich Nika die Erdbeerstückchen in den Mund schiebt: „Ganz große Klasse, eure Bowle. Das sind die süßesten Erdbeeren, die ich seit langer Zeit gegessen habe. Ich danke euch für eure Gastfreundschaft.“

Nach ihrem Lob erhebt sich Nika von ihrem Platz neben Mona und stolziert zum Beckenrand. Mit aufrechter Eleganz stellt sie sich in Positur, streckt sich, spreizt ihre Füße und springt ins Wasser. Wie ein Fisch taucht sie pfeilschnell zum anderen Ende und klettert aus dem Pool.
„Danke für die erste Etappe, Leute! Ich muss dann mal weiter. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder!“

Nika winkt ihren Freunden zu, ehe sie hinter der Hausecke zwischen den Büschen verschwindet.
„Was war das denn?“, fragt Tim verdutzt.
Mona reibt sich die Augen: „Eine Begegnung der dritten Art? Ich werde sie später anrufen und mich nach ihrem Befinden erkundigen.“
Tim seufzt: „Wahrscheinlich eine von Nikas fixen Ideen. Als exzentrisch galt sie ja schon immer. (as)

2 Gedanken zu „Die Schwimmerin – ein dystopischer Roman“

  1. Interessantes Thema.Leben nach der Pandemie.Man kann gar nicht aufhören zu lesen u.möchte mehr erfahren.Sehr guter Schreibstil.Gibt es da noch mehr?L.Gr.Charm

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    • Hallo Charmaine, natürlich schreibe ich weiter! Von „nach der Pandemie“ kann in dieser Geschichte aber keine Rede sein.

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