Stolp: Auf den Spuren der pommerschen Großeltern

Hätte man meine Großeltern väterlicherseits nach ihrer Heimat gefragt, wäre ihnen womöglich der Ortsname Stolp über die Lippen gekommen. Bis zu ihrem Tod vor etwa 20 Jahren hatte ich jedoch selten die Gelegenheit, mich mit ihnen über ihren Verlust von allem, was ihnen in Pommern lieb war, auszutauschen. Der Mann, dem ich mein Leben zu verdanken habe, sträubte sich gegen regelmäßige Treffen mit seinen Eltern und Geschwistern. Zu tief war sein Groll gegen den eigenen Vater – bis heute. Wenn ich in den Sommerferien Oma und Opa unangemeldet in ihrem etwa 80 Kilometer entfernten Dorf besuchte, blaffte er mich an: „Was soll das denn?“

Die acht Kinder meiner Großeltern und ihre sieben Enkel haben (soweit ich es beurteilen kann) wenig Bezug zueinander, obwohl viele von ihnen im Dorf ihrer Geburt im südlichsten Zipfel Niedersachsens Wurzeln geschlagen haben. Kommunikation gehört offenbar nicht zu ihren Lieblingsdisziplinen. Meine beiden Tanten pflegen allerdings ein engeres Verhältnis als ihre sechs Brüder.

Meine Familie väterlicherseits ist für mich also kaum existent – weder mein Vater noch seine nahe Verwandtschaft. Trotzdem trage ich ihre Gene und ihre persönlichen Geschichten in mir. Nachdem ich in meiner Jugend am liebsten meine DNA ausgetauscht hätte, habe ich sie mittlerweile als Teil von mir akzeptiert. Mein Wissen über meine Ahnen in Hinterpommern besteht nur aus Bruchstücken, die ich in Gesprächen mit meinem Großvater kurz vor seinem Tod aufgeschnappt habe.

Neutor in Slupsk, Foto: Annika Senger

Flucht aus Stolp 1945

Im Familienalbum zeigte er mir alte Bilder aus Stolp: er und meine strahlende Oma mit ihrem ersten Baby Heidi. Ein Kennenlernen mit meiner Tante ist mir verwehrt geblieben. Sie starb mit nicht einmal einem Jahr an einer Erkältung, nachdem Mutter und Tochter 1945 mit einem Schiff über die Ostsee nach Dänemark geflüchtet waren.

Kurz darauf brannte die Rote Arme ihre Heimatstadt nieder. Fortan hieß sie Słupsk und in den Ruinen wurden vertriebene Polen aus Russland und der Ukraine angesiedelt. Als ich im Jahr 2017 einen Städtetrip nach Danzig mache, hält der Zug im Bahnhof jener Stadt. Ich bekomme Herzklopfen, weil mir bewusst ist, dass ich dort verbrannte Wurzeln habe und niemand mehr lebt, der mich zu ihnen führen könnte.

Gefühl von Wurzellosigkeit

Wurzeln? Zeit meines Lebens habe ich ein diffuses Gefühl von Wurzellosigkeit. Im Gegensatz zu meinem Bruder ist es mir nicht gelungen, in Südniedersachsen sesshaft zu werden. In all den Jahren in Berlin fühle ich mich wie auf der Durchreise. Meine Wohnung ist ein Ort, an dem ich arbeite. Leben tue ich nur, wenn ich unterwegs bin. Jahrelang war ich in Tränen aufgelöst verzweifelt, wenn Aufenthalte in Kroatien zu Ende gingen. Nun schickt mich meine Intuition auf andere Wege, obwohl sich ein Teil von mir immer noch nach dem Land an der Adria sehnt und ich mit ihm als Reisevermittlerin und Bloggerin Geld verdiene.

Im Februar 2020 fordert mich meine innere Stimme auf: „Radele durch Pommern. Verbringe einen Tag in Stolp.“ Kurz vorher erfahre ich zufällig in einem Berliner U-Bahnhof von einem Vortrag zum Thema Kriegserbe in der Seele. Bei der Veranstaltung erklärt das Referenten-Paar, dass alle Erlebnisse voriger Generationen in den Genen abgespeichert seien und es keine Gnade der späten Geburt gebe.

Fischerplatz in Slupsk, Foto: Annika Senger

Abstieg in die Unterwelt

Die Reise in das Land meiner Vorfahren entpuppt sich schon auf der ersten Etappe als Abenteuer. Ab und zu verfahre ich mich, weil entweder Wegweiser fehlen oder mich mein Navi in die Irre leitet. Zweimal versinke ich im Matsch und rutsche auf Sand aus. Trotz dieser Widrigkeiten spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit der Landschaft: mit den endlosen weißen Ostseestränden, den Seen und duftenden Kiefernwäldern, mit den weiten Feldern und Wiesen, durch die ein kräftiger Wind zischt. Auf dem Fahrrad nehme ich die Natur in Polen sehr intensiv wahr.

Wenn mein Abstecher nach Stolp bzw. Słupsk eine Szene aus einem literarischen Werk wäre, könnte man von einer Katabasis oder einem Abstieg in die Unterwelt als Teil der Heldenreise sprechen. Im klassischen Initiationsroman bricht ein meist junger Mann mit schwacher oder fehlender Vaterfigur auf zu einer Reise in sein Inneres, um sich mit seinem Schatten auseinanderzusetzen.

Die Heimat meiner Großeltern liegt in einem Talkessel. Wie ein Sog zieht es mich bergab. Über ihr verdichten sich Wolken. Kaum bin ich angekommen, fängt es an zu regnen. Für den Rest des Tages wechseln sich Schauer und ein paar Sonnenstrahlen ab. Das trübe Wetter passt zu meiner Stimmung. Durch die Straßen zu flanieren fühlt sich an wie ein Friedhofsbesuch.

Rathaus in Slupsk, Foto: Annika Senger

Spuren aus der Vorkriegszeit in Stolp

Einige Bauten, darunter Kirchen und ein Stadttor, sind aus der Zeit vor 1945 erhalten geblieben. Die meisten Wohnhäuser im Zentrum von Słupsk erzählen vom Sozialismus der Nachkriegszeit. Ich erinnere mich, dass meine Großeltern Jahrzehnte nach ihrer Flucht noch einmal zu ihren Wurzeln zurückgekehrt sind. Wie mein Opa mir berichtete, hätten sie die Stadt nicht wiedererkannt. Ihre Elternhäuser seien weg gewesen.

Auf dem Weg zum Hotel bringt mich mein Navi zu einem alten Straßenbahn-Waggon. Straßenbahnen verkehren in Stolp längst nicht mehr – im Gegensatz zu 1943, als sich meine Großeltern in einer Tram kennengelernt haben. Meine Tante hatte das in einer Tischrede bei der Goldenen Hochzeit erwähnt, mein Opa bestätigte es mir einige Jahre später.

Neben dem Waggon und den architektonischen Überbleibseln aus der Ära, als Stolp noch zu Deutschland gehörte, entdecke ich Tafeln mit alten Stadtansichten aus der Vorkriegszeit. So hangele ich mich von einem Foto zum nächsten und sammele Eindrücke. Hier und da fallen mir Familiengeschichten ein, die ich vor der Kamera mit meiner YouTube-Community teile.

Alte Stolper Straßenbahn, Foto: Annika Senger

Der unbekannte Urgroßvater

Als ich in einem Häuserdurchgang auf farbenfrohe Graffiti zum Thema Musik stoße, kommt mir mein unbekannter Urgroßvater in den Sinn. Niemand in der Familie weiß so recht, wer er war, woher er stammte und in welcher Beziehung er zu meiner Uroma stand. Meine Cousine habe von unserer Großmutter gehört, dass er ein österreichischer Musiker gewesen sei. Ihr Bruder bezeichnete ihn als Ungar und vermutlich hatte er irgendwo im riesigen Habsburger Reich das Licht der Welt erblickt.

Wo genau, darüber lässt sich nur spekulieren. Als uneheliches Kind wuchs meine Oma bei ihren Großeltern auf, ihre Mutter lebte wie eine Schwester neben ihr her … Schon seit Jahren spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit meinem Urgroßvater!

Fazit einer Reise in die Vergangenheit

Das wird sicherlich in Zukunft so bleiben. Mein Aufenthalt in Słupsk hat mich aber auch über vieles Andere reflektieren lassen und mein Verständnis von Zusammenhängen in der Familie vergrößert. Es kristallisieren sich Lösungen für Probleme heraus, die ich vorher nicht gesehen hatte. Währenddessen äußern andere Familienmitglieder überhaupt kein Interesse an meiner Reise in die Vergangenheit. „Ist doch nicht mein Leben!“, soll mein alter Herr zu meiner Mutter gesagt haben. Stadtbilder, die ich ihm per WhatsApp geschickt habe, lässt er unkommentiert. Offensichtlich ist die Angst vor der Auseinandersetzung mit seinem Schatten zu groß und zu schmerzhaft. (as)

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