Vater und Sohn

Der Fernseher dröhnt. „Angesichts steigender Corona-Fallzahlen wird der Ruf der Bevölkerung nach einem zweiten Lockdown lauter. Nur in Stuttgart demonstrierten am gestrigen Samstag wieder einige Dutzend Neonazis, Impfgegner und Verschwörungstheoretiker gegen die geplante Verschärfung der Schutzmaßnahmen. Die Polizei verhaftete fünf geistig verwirrte Personen, die ohne Alltagsmaske ‚Wir sind das Volk‘ brüllten“, liest eine blonde Frau wie ein Roboter die Spätnachrichten.

Drei Uhr drei. Heinz-Dieter öffnet eine Dose Cola. Die braune Zucker-Limo zischt in ein trübes Glas, das schon zur Hälfte mit Whisky gefüllt ist. Das Behältnis hat sich zu den Rotweinflecken auf dem Couchtisch aus den frühen 80er Jahren gesellt. Unter dem Möbelstück aus Rustikal-Eiche bunkert Heinz-Dieter Spirituosen. Doppelkorn. Cognac. Whisky. Wodka. Zwei leere Weinflaschen liegen auf dem schäbigen grünen Teppich. Als der Hausherr sie um ein Uhr 16 umgestoßen hat, sind aus einer der beiden Pullen ein paar Tropfen Rotwein entfleucht. In der seit Jahren wachsenden Zahl von Flecken vor dem braunen Plüschsofa ist dieses Pfützchen Wein in der absoluten Bedeutungslosigkeit versickert.

„Alle Bundesbürger sind ab kommenden Montag verpflichtet, die gängigen deutschen Gruß- und Abschiedsformeln gegen ‚Heil Corona‘ zu ersetzen. Bei Verstößen droht ein Bußgeld von mindestens 150 Euro. Das waren die Spätnachrichten. Die Tagesschau meldet sich wieder um 4 Uhr 48 mit den aktuellen Fallzahlen-Entwicklungen der Nacht.“

Heinz-Dieter schiebt das Glas an seine Lippen.

„Prost“, durchbricht eine knarzige Altherren-Stimme die Schlussmelodie der TV-Nachrichten. Beißender Zigarettenqualm bringt den Trinkenden zum Husten. Er verschluckt sich und lässt sein Whisky-Cola-Gemisch erschreckt fallen. Der Inhalt des Glases setzt sämtlichen Weinflecken auf dem Teppich ein nasses i-Tüpfelchen auf.

Der hagere glatzköpfige Mann, der sich während der Nachrichtensendung hinter dem Sofa aufgebäumt hat, klopft mit der linken Hand auf Heinz-Dieters Rücken. In der rechten hält er eine filterlose Zigarette. Gierig nimmt er einen tiefen Zug, ehe er gebrechlich wirkenden Schrittes um das Sofa herumschleicht und rechts neben dem Besitzer der Flaschen Platz nimmt.

„Guten Morgen, Heinz-Dieter“, begrüßt ihn der Alte hinter einer dichten Rauchwolke. „Oder muss ich jetzt schon Heil Corona sagen?“

Heinz-Dieter zuckt zusammen. Ein paar Sekunden starrt er auf den stinkenden See aus Whisky und Cola unter dem Tisch. Sein nächtlicher Besucher streckt ihm eine Schachtel Zigaretten entgegen: „Auch eine?“

Heinz-Dieter schnappt zitternd das Glas auf dem Teppich. Während er es auf der Tischkante abzustellen versucht, droht es erneut auf den Boden zu stürzen. Der Mann neben ihm fängt es gerade noch rechtzeitig ab und schiebt es in die Mitte des Tisches. „Du solltest damit aufhören“, belehrt er Heinz-Dieter.

Alkoholismus
Foto: Gerd Altmann

Der lallt: „Hau ab! Du bist seit 20 Jahren tot. Vor fünf Jahren habe ich aufgehört zu rauchen. Nur damit du es weißt!“

„Du säufst wie ein Loch. Mein Sohn, was ist bloß aus dir geworden? Früher war ich mal stolz auf dich.“

Heinz-Dieter glotzt auf den Bildschirm, über den der Filmtitel „Via Mala“ flimmert. Dann streifen seine glasigen braunen Augen die Flasche Doppelkorn. Er zieht sie unter dem Tisch hervor und drückt die Pulle wie ein Schutzschild an seine Brust.

„Spar dir die Lügen. Ich war dir doch immer egal“, fährt er den Mann hinter der Mauer aus Zigarettenqualm an. Nervös schraubt er die Schnapsflasche auf und bringt das Glas fast zum Überschwappen.

„So kannst du das nicht sagen. Ich habe mich immer bei deiner Mutter nach dir und deinen Geschwistern erkundigt“, antwortet der Vater mit kühler Stimme.

„Man hätte dich in deiner Jugend kastrieren sollen, damit du keine Kinder in die Welt setzt!“

Als der Klare seine Kehle benetzt hat, seufzt er: „Endlich hab ich es mal ausgesprochen.“

Der Beschuldigte saugt an seiner Zigarette. „Du hast Recht. Ich war ein schlechter Vater. Mein Freund Kurt Schuster meinte mal zu mir: ‚August, du hast viele Kinder, aber du bist kein guter Vater.‘ So sind wir Sägemüllers. Generationen von schlechten Vätern. Dein Großvater war ein Dreckskerl, kann ich dir sagen! Und du hast dich als Vater auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert.“

„Ja, das ist scheiße gelaufen. Ich wollte alles besser machen als du. Wollte gut sein als Vater, aber anscheinend hatte ich mir zu hohe Ziele gesetzt.“

Das Weiß in Heinz-Dieters Augen rötet sich und August Sägemüller spricht: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch wenn du es nicht hören willst, Heinz-Dieter, du bist mir von all meinen Kindern am ähnlichsten. Dein Sohn ist ganz anders geraten als du. Ein wunderbarer Vater, mein Enkel.“

„Ja, das stimmt … Der hat den Dreh raus.“

„Und deine Tochter ist ein Mannsweib wie deine Schwestern. Die gebürtigen Sägemüller-Frauen sind alle keine Mütter und können mit Männern nicht viel anfangen! Ja, vor allem die Sieglinde. Ich sage immer: Zwei Hennen können sich nicht paaren.“

„Mir egal. Ist deren Leben“, gluckst Heinz-Dieter nach einem weiteren Schluck Schnaps.

„Deine Mutter hat Helga und Sieglinde von klein auf eingebläut: Heiratet nie! Das haben die sich gemerkt. Sieglinde wohl ein bisschen zu gut.“

„Kein Wunder“, murmelt Heinz-Dieter und gähnt. „Meine Schwestern mussten dich als Vater ertragen.“

„Jetzt lass das doch mal! Mir wurde im Leben auch nichts geschenkt. Unsere ganze Familie hatte es weiß Gott nicht leicht“, rechtfertigt sich der Vater eindringlich und steckt sich die nächste Zigarette an. „Nachdem deine Schwester Anna geboren war, musste ich ziemlich bald zurück an die Front. Dann ist Anna auf der Flucht mit der Mutter in Dänemark gestorben und wir hatten nichts mehr. Mussten nach ’45 im Westen bei Null anfangen. Meinst du, da habe ich noch um das Kind getrauert? Nein, das ging mir nicht so nahe.“

Über Heinz-Dieters Wangen rinnen zwei Tränen: „Das hättest du jetzt nicht sagen sollen!“

„Wieso? Ich habe sie nicht gekannt, also hat es mich nicht berührt. Was glaubst du, wie viel Tod und Leid ich im Krieg sehen musste! Hinterher hatten wir erst mal einen Mund weniger zu stopfen. Das war auch gut so.“

„Du redest von meiner Schwester! Sie ist kein Jahr alt geworden.“

„Ja. Aber dann haben wir acht neue Ableger in die Welt gesetzt. Einer davon bist du, falls du es vergessen hast.“

Heinz-Dieter grummelt: „Das war gedankenlos von dir. Kaum was zu essen hatten wir! Haben uns die Spielsachen aus dem Quelle-Katalog ausgeschnitten. Meinen einzigen Teddy hast du vor meinen Augen in den Ofen geworfen!“

„Zum Teufel, Heinz-Dieter, ich hatte gar keine Zeit für Sentimentalitäten. Im Sägewerk gab es immer viel zu schuften. Da mussten alle mit anpacken, damit die Zahlen stimmen!“

„Wir Kinder waren doch nur deine Arbeitssklaven, die im Sägewerk nach deiner Pfeife tanzen und keine Schularbeiten machen durften!“

„Ja! Dafür konnte ich euch aber ein schönes Haus bauen und BMW fahren. Also sei nicht undankbar.“

Heinz-Dieter grinst verächtlich: „Danke für die Schläge und die Arschtritte! Danke für die Reste vom Hähnchen, nachdem du immer das Bruststück gefressen hast!“

„Das stand mir als Familienoberhaupt auch zu. Ich habe euch nur zu guten Deutschen erzogen. Für die Leute im Dorf waren wir übrigens die Zigeuner aus Pommern. Wusstest du das? Da hat uns keiner mit Kusshand empfangen nach dem Krieg. Wir waren das Ungeziefer, das keiner haben wollte, weil die selbst nichts zu fressen hatten! Ein paar Jahre später hatten wir das Sägewerk und waren angesehene Bürger.“

„Mich hat keiner gefragt. Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen! Das war doch immer dein Spruch“, grollt Heinz-Dieter vorwurfsvoll.

„Ja, das hat dir nicht gepasst. Du warst mir ein schöner Rebell. Immer gegen alles auf die Barrikaden gegangen und die rote Fahne geschwenkt. Heute bist du 70, aufgedunsen und Alkoholiker!“

Heinz-Dieter lacht verächtlich: „Geh mal hier im Dorf zur Feuerwehr oder ins Schützenhaus. Da sitzen die richtigen Alkoholiker!“

„Deine Saufkumpane interessieren mich nicht“, lässt August Sägemüller seinen dritten von sechs Söhnen wissen.

„Na klar. Hast dich immer nur für dich selbst interessiert.“

„Genau wie du.“

„Ach, red doch keinen Scheiß! Übrigens haben Ernst-Adolf und Burkhard das Sägewerk nach deinem Tod an die Wand gefahren. Dein Haus mussten sie auch verkaufen.“

„Ja, von deinen Brüdern war nichts anderes zu erwarten. Ich habe immer gesagt: Nach mir die Sintflut.“

„August Sägemüller Senior, was bist du bloß für ein Mensch!“

„Frag mal deine Frau, was du für ein Mensch bist, Heinz-Dieter. Eine hübsche, nette Frau. Die mochte ich sehr. Ach ja, was wart ihr für ein schönes Paar! Dass die Anneliese bis heute bei dir geblieben ist, verstehe ich nicht. Du hast sie krank gemacht.“

Der Sohn schaut betreten in sein Schnapsglas und murmelt: „Für den Krebs kann ich nichts. Ich kann die Krankheit auch nicht rückgängig machen.“

„Zum Glück gibt es für Anneliese noch Hoffnung. Doch was dich betrifft … Heinz-Dieter, du fragst dich sicher schon die ganze Zeit, was der Grund für meinen Besuch ist.“

„Nee. Ich frage mich gar nichts. Du bist tot und basta. Warum rede ich überhaupt mit dir?“

„Heinz-Dieter, sie sagen, ich soll dich holen, weil du die Zeichen des Lebens ignoriert hast. Sie sehen bei dir auch keine Lernbereitschaft mehr.“

„Hä? Wer sind denn ’sie‘?“

August nuckelt an seiner Zigarette: „Ich kann es dir nicht erklären, weil ich es selbst noch nicht ganz kapiere. Auf jeden Fall bist du vor der nächsten Tagesschau um 4 Uhr 48 tot.“

„Was? Du hast sie ja nicht mehr alle! Ich bin vielleicht besoffen, aber ich sauf mich nicht zu Tode!“

„Nein, nicht offiziell. Sobald es hell ist, testen sie deine Leiche auf Corona. Ja, mein Sohn, den Dritten Weltkrieg hatte ich mir anders vorgestellt. Im Totenschein von dir und meinem geliebten Deutschland wird die gleiche Todesursache stehen. Armes Vaterland! Mein Lungenkrebs war wenigstens echt. Heil Corona!“

„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“

„Doch. So wahr wie deine Tränen an meinen Totenbett, Heinz-Dieter.“

„Nein!“

„Oh ja! Am Ende warst du der einzige Ableger, der um mich geweint hat.“

„Ich gehe jetzt ins Bett. Mir reicht das Theater hier.“

Heinz-Dieter erhebt sich schwerfällig vom Sofa und gerät ins Wanken. Sein schwindendes Gleichgewicht katapultiert ihn zurück ins Polster.

„Du säufst dir deine lieben langen Nächte um die Ohren. Wofür eigentlich?“

„Kann nicht schlafen. Im Traum sehe ich immer Krieg! Wenn es mit Anneliese besser liefe, würde ich nicht saufen.“

„Sicher?“

„Jetzt zieh endlich Leine“, mault der Sohn.

„Bald. Vorher helfe ich dir noch ins Bett. Sonst stolperst du in diesem Saustall über dein eigenes Chaos.“

August Sägemüller steht vom Sofa auf und streckt Heinz-Dieter seine knochige linke Hand entgegen. Zwischen den Fingern der rechten klemmt immer noch seine Zigarette. Der Sohn schenkt der Geste keine Beachtung. Erst als er nach vorne auf den Tisch zu kippen droht, klammert er sich fest an Augusts Arm. Dann tapsen Vater und Sohn zusammen in die Dunkelheit hinter der Tür. Im Zimmer bleibt eine milchige Wand aus Schnaps-Ausdünstungen und Rauchschwaden von ihnen zurück. (as)

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